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Ernährung

8 min

Die Ernährung des Patienten ist seit jeher eines der Kernelemente der Aufgabenbereiche von Pflegekräften.

Häufig haben viele Tumorpatienten schon vor der Diagnose als Folge einer Unter- oder Mangelversorgung Gewicht verloren.

Im weiteren Verlauf kommt es oft durch die Krebserkrankung selbst oder therapiebedingt durch Übelkeit und Erbrechen und Geschmacksveränderungen zu einer weiteren Verschlechterung des Ernährungszustands.

Eine Mangelernährung ist ein häufiges Problem bei Tumorpatienten und kann einen erheblichen Einfluss auf den Verlauf der Erkrankung (Prognose) und die Verträglichkeit der Behandlung haben.

Zu den Folgen einer Mangelernährung gehören insbesondere: 

  • Zunahme von
    • Morbidität, vor allem von postoperativen Infekten
    • Nebenwirkungen und Komplikationen einer Tumortherapie
    • stationären Klinikaufenthalten
    • Depressionen
    • Müdigkeit
  • Reduktion von
    • Ansprechen auf die Tumorbehandlung
    • Leistungsfähigkeit
    • Lebensqualität

Daher sind die Bestimmung des Ernährungszustands (Ernährungs-Assessment) bei Diagnosestellung sowie die Unterstützung bei der Nahrungsaufnahme wichtige onkologisch-pflegerische Aufgaben.

Definitionen von Ernährungsstörungen

  • Anorexie: Gewichtsabnahme durch Verlust des Appetits und dem Verlangen nach Nahrung
  • Kachexie: Ungewollter Gewichtsverlust von mehr als 5% des Körpergewichts innerhalb der letzten 6 Monate, begleitet von einem Stoffwechsel, der auch durch eine erhöhte Nährstoffaufnahme kaum zu beeinflussen ist
    • Die Tumor-Kachexie wird vorwiegend durch den Tumor selbst ausgelöst:
      • Durch den Tumor werden bestimmte Botenstoffe des körpereigenen Abwehrsystems (Zytokine) freigesetzt, was zur chronischen Entzündung im gesamten Körper (systemisch) führt
      • Infolgedessen kommt es zu einer veränderten Stoffwechsellage mit Überwiegen der abbauenden (katabolen)  Faktoren, bei der mehr Muskel- und Fettmasse abgebaut werden als gleichzeitig neu gebildet werden können
  • Sarkopenie:  Altersbedingter Abbau der Skelettmuskulatur
  • Exsikkose oder Dehydrierung:  Austrocknung, Flüssigkeitsmangel
    • Ursachen können insbesondere bei älteren Menschen eine zu geringe Flüssigkeitsaufnahme oder ein gesteigerter Verlust von Flüssigkeit beispielsweise durch Durchfälle (Diarrhöen) sein
    • Charakteristisch sind stehende Hautfalten: Dabei bleibt die Hautfalte bestehen und glättet sich nicht sofort wieder, wenn man sie mit Daumen und Zeigefinger abhebt

Ernährungstherapie

Um die negativen Folgen einer Mangelernährung zu vermeiden, ist eine rechtzeitig eingeleitete Ernährungstherapie wichtig.

Die ernährungstherapeutische Unterstützung verfolgt die Ziele

  • Verbesserung des Ernährungszustands
  • Verbesserung der Lebensqualität
  • Steigerung der Effektivität der Tumortherapie und Reduktion möglicher Nebenwirkungen
  • Verbesserung des Krankheitsverlaufs (Prognose)

Wichtig ist dabei die Zusammenarbeit in einem interdisziplinären Team von Ärzten, onkologischen Pflegekräften und Ernährungsberatern (Ökotrophologen) sowie Diätassistenten.

Innerhalb dieses Teams sind die Pflegekräfte wichtige Partner und für die direkte Ernährungsunterstützung verantwortlich.

In der Praxis hat sich bei den ernährungstherapeutischen Maßnahmen ein Stufenschema bewährt:

  • In den ersten beiden Stufen wird die übliche orale Nahrungsaufnahme beispielsweise durch eine individuelle Wunschkost optimiert und/oder angereichert.  Letzteres kann mit gehaltvollen Lebensmitteln wie Sahne, Butter, Öl oder Nährstoffkonzentraten wie Maltodextrin oder Proteinpulver erfolgen
  • In der dritten Stufe können Trinknahrungen als sehr wirksame und den Ernährungsbedarf deckende Unterstützung angeboten werden
  • Sofern alle Möglichkeiten der oralen Ernährung ausgeschöpft oder nicht möglich sind, kommt die enterale Sondenernährung zum Einsatz
    • "Enteral" bedeutet "den Magen-Darm-Trakt betreffend" und steht für alle Formen der Nahrungsaufnahme, bei denen der Magen-Darm-Trakt seine normale Funktion behält und nicht umgangen wird
  • Wenn eine enterale Sondenernährung nicht möglich ist oder nicht ausreicht, kann eine parenterale Ernährung (über die Blutbahn {intravenös} unter Umgehung des Magen-Darm-Trakts) erwogen werden
    • Bei Patienten, bei denen für die Chemotherapie bereits ein Port-System implantiert wurde, kann dieses auch für die parenterale Ernährung verwendet werden

Für die Ernährungstherapie gilt allgemein:.

  • Wenn immer möglich, sollte eine normale, orale Ernährung angestrebt werden
  • Kombinationen einer enteralen mit einer parenteralen und oralen Ernährung sind möglich und können sinnvoll sein
  • Für eine kurzfristige Ernährungstherapie ist die Nasensonde (nasoenterale Sonde) geeignet
  • Für eine längerfristige Ernährungstherapie eignet sich die Magensonde über die Haut (perkutane endoskopische Gastrostomie; PEG)

Enterale Sondenernährung

Wenn der Patient nicht mehr selbständig oral Nahrung und Flüssigkeit zu sich nehmen kann, gewährleistet die enterale Ernährung über eine Nasensonde (nasoenterale Sonde) oder Magensonde durch die Haut (perkutane endoskopische Gastrostomie; PEG) die Versorgung mit Nährstoffen.

In selteneren Fällen wird die Sonde in den Dünndarm gelegt (perkutane endoskopische Jejunostomie; PEJ).

Nasoenterale Sonden

Für eine kurzfristige enterale Ernährung eignen sich nasoenterale Sonden. Sie werden über die Nase bis in den Magen (nasogastral), manchmal auch bis in den Dünndarm (nasointestinal) vorgeschoben.

Die Sonde wird beim sitzenden Patienten gelegt, weil er in dieser Position am besten schlucken kann.  Die Schluckbewegungen unterstützen das Vorschieben der Sonde über die Speiseröhre in den Magen oder Dünndarm. Anschließend wird die Nasensonde meist mit einem kleinen Pflaster an der Nase befestigt.

Magensonde durch die Haut

Bei Patienten, die eine längerfristige enterale Ernährung benötigen (mehr als 3 bis 4 Wochen), ist die perkutane endoskopische Gastrostomie (PEG) angezeigt.  Die Anlage selbst erfolgt durch den Facharzt für Magen-Darm-Erkrankungen (Gastroenterologe).

  • Dabei wird wie bei der Gastroskopie ein Schlauch (Gastroskop) über Mund und Speiseröhre in den Magen geführt
  • Nach lokaler Betäubung wird über einen kleinen Schnitt in die Bauchhaut von außen eine Kanüle in den Magen eingeführt
  • Durch diese Kanüle wird ein Führungsfaden in das Gastroskop gezogen und zusammen mit dem Gastroskop aus dem Mund gezogen
  • Die PEG-Sonde wird an den Führungsfaden geknotet und anschließend am Führungsfaden durch die Bauchwand gezogen
  • Die PEG-Sonde wird von außen mit einer kleinen Gegenplatte (äußere und innere Halteplatte) befestigt

Um zu verhindern, dass die innere Halteplatte nicht in die Magenwand einwächst, sollte die PEG-Sonde 2- bis 3 x wöchentlich im Rahmen des Verbandswechsels bewegt werden:

  • Äußere Halteplatte lösen; Halteplatte, Sondenschlauch, Eintrittsstelle und umliegende Haut reinigen
  • Sondenschlauch 2 cm bis 3 cm in den Magen vorschieben, vorsichtig um 360° drehen, anschließend die Sonde bis zum spürbaren, leichten Widerstand zurückziehen
  • Äußere Halteplatte wieder über der Eintrittsstelle befestigen, ohne dass der Sondenschlauch zu straff oder zu lose sitzt

Verabreichung der Sondennahrung

Die Verabreichung der Sondennahrung kann unterschiedlich durchgeführt werden und richtet sich vor allem nach der Lage der Sondenspitze und der Grunderkrankung:

  • Kontinuierlich mit einer Ernährungspumpe
    • Diese Applikation ist die in der Klinik gängigste Form
    • Damit lassen sich Komplikationen wie Durchfälle, Aspiration und Stoffwechsel-Entgleisungen vermeiden
  • Intermittierend als Portion (Bolus; in der Klinik in der Regel nicht indiziert)

Wenn immer möglich, sollten keine Medikamente über die Sonde gegeben werden, da die Gefahr des Verstopfens der Sonde besteht.

Spülen der Sonde

Um ein Verstopfen der Sonde zu verhindern, wird sie regelmäßig gespült (meist alle 3 bis 4 Stunden).

Dazu kann normales Leitungswasser oder stilles Mineralwasser verwendet werden, bei abwehrgeschwächten Patienten abgekochtes Wasser.

Nach jeder Aspiration erfolgt das Spülen mit mindestens 50 ml Wasser.

Mögliche Komplikationen der enteralen Ernährung

REFEEDING-SYNDROM

Das Reefeding-Syndrom kann allgemein bei Patienten mit andauernder (chronischer) Mangelernährung und speziell bei Tumorpatienten auftreten, die mehrere Tage nichts gegessen haben.

Wenn nach einer Hungerperiode zu schnell zu viele Nährstoffe und/oder Flüssigkeit aufgenommen werden, kann es zu Entgleisungen des Elektrolyt- und Zucker (Glukose) -haushalts kommen.  Die möglichen und potenziell lebensbedrohlichen Folgen sind Herzrhythmusstörungen (Arrhythmien) und Flüssigkeitseinlagerungen ins Gewebe (Ödeme).

Bei onkologischen Diabetikern ist gegebenenfalls eine besondere Überwachung der enteralen Ernährung notwendig.  Vor allem sollte der Blutzucker regelmäßig gemessen werden. Zu berücksichtigen ist zudem, dass nicht alle Produkte von Trinknahrungen und Sondenkost für Patienten mit diabetischer Stoffwechsellage geeignet sind.

Weitere Massnahmen

Allgemein beeinflussen mögliche Folgen der Tumorerkrankung selbst oder der Behandlung wie Schmerzen, Übelkeit, eine entzündete Mundschleimhaut oder Durchfälle die Freude am Essen.

Daher sollten diese Begleitbeschwerden so weit wie möglich medikamentös gelindert bzw. in die Planung der Ernährungstherapie miteinbezogen werden.

  • Kleine Portionen, mehrere Mahlzeiten: Anstelle von wenigen großen Portionen lieber mehrere kleine Mahlzeiten über den Tag verteilt essen
  • Angenehme Atmosphäre schaffen: Sofern der Patient gesundheitlich dazu in der Lage ist, sollte außerhalb des Krankenbetts an einem (gedeckten) Tisch gegessen werden
  • Wunschkost: Individuelle Vorlieben beim Essen und eine Wunschkost sollten erfragt und im Speiseplan berücksichtigt werden
  • Patienten, die zu schwach oder zu müde zur eigenständigen Nahrungsaufnahme sind, bedürfen der Unterstützung von Pflegekräften und/oder Angehörigen. Hilfreich ist dabei häufig schon, wenn größere Stücke mundgerecht vorgeschnitten und Getränke gezielt angereicht werden

"Krebsdiäten"

Experten raten von sogenannten "Krebsdiäten" ab, denn sie können zur gefährlichen Mangelernährung des Patienten führen.

Zudem konnte bisher für keine der Diäten nachgewiesen werden, dass sie den Verlauf einer Tumorerkrankung positiv beeinflussen.

Rund um Studien

Ein erster Einblick in medizinische Studien, den Sie zur Orientierung nutzen können.