Indikationen Onkologie

Schilddrüsenkrebs

Erkrankung

An Schilddrüsenkrebs erkrankten in Deutschland im Jahr 2012 ca. 4.390 Frauen und 1.820 Männer.1

Das mittlere Erkrankungsalter liegt für Frauen bei 51 Jahren und für Männer bei 56 Jahren. Es können jedoch auch insbesondere jüngere Frauen betroffen sein.1 Da Schilddrüsenkrebs vor allem bei Frauen in der Mehrzahl der Fälle (63%) in einem frühen Stadium entdeckt wird, hat die Erkrankung mit einer relativen 5-Jahres-Überlebensrate von 94% bei Frauen und 85 % bei Männern in der Regel einen günstigen Verlauf (Prognose). 1 Schilddrüsenkarzinome werden nach ihren feingeweblichen (histologischen) Merkmalen unterschieden. Mit bis zu 80% ist die häufigste Form das so genannte papilläre Karzinom, das relativ langsam wächst. 2

Ursachen und Risikofaktoren

Warum Schilddrüsenkrebs entsteht, ist bisher noch nicht eindeutig geklärt. Es sind jedoch bestimmte Faktoren bekannt, die das Risiko erhöhen können. Zu diesen Risikofaktoren gehören vor allem: 1, 3, 4

  • Röntgenbestrahlungen im Halsbereich im Kindes- und Jugendalter
  • Jodmangel und gutartige Veränderungen der Schilddrüse ("Jodmangel-Kropf")
  • Seltene genetisch bedingte Formen von Schilddrüsenkrebs

Symptome

Alarmzeichen von Schilddrüsenkrebs können die folgenden Beschwerden sein: 5, 6

  • Plötzliches rasches Wachsen einer bestehenden Schilddrüsenvergößerung ("Kropf"), die sich derb oder hart anfühlt
  • Innerhalb weniger Wochen oder Monate neu entstehender Kropf
  • Schwellungen am Hals
  • Schluckbeschwerden
  • Tastbare oder sichtbar vergrößerte Lymphknoten im Halsbereich
  • Druckgefühl im Halsbereich
  • Luftnot
  • Heiserkeit
  • Hustenreiz

Diagnose

Wichtige Untersuchungen bei Verdacht auf Schilddrüsenkrebs sind: 7, 8, 9

  • Ultraschall-Untersuchung (Sonographie) der Schilddrüse und Halslymphknoten
    • Damit können vor allem die Größe der Schilddrüse, ihre Beschaffenheit (Knoten?), Durchblutung und Veränderungen in den Halslymphknoten beurteilt werden.
  • Szintigraphie der Schilddrüse, insbesondere zur Abklärung knotiger Veränderungen im Ultraschall
    • Mit der Schilddrüsen-Szintigraphie lassen sich mit Hilfe radioaktiv markierter Stoffe die Funktion der Schilddrüse und die Hormonproduktion in einzelnen Bereichen darstellen.
    • Bereiche der Schilddrüse, in denen keine oder nur sehr wenig Hormone gebildet werden, werden "Kalte Knoten" genannt; das kann ein Anzeichen für einen Tumor sein.
  • Feinnadel-Punktion und Zytologie
    • Bei einem in der Bildgebung (Ultraschall, Szintigraphie) verdächtigen Knoten sollte eine Feinnadel-Punktion durchgeführt werden.
    • Dabei entnimmt der Arzt unter Ultraschallkontrolle aus der verdächtigen Region mit einer feinen Nadel Zellen, die anschließend vom Pathologen unter dem Mikroskop untersucht werden (Zytologie).
  • Kehlkopf-Spiegelung (Laryngoskopie)
    • Mit der Kehlkopf-Spiegelung werden die Funktion der Stimmlippen überprüft und eine Stimmlippen-Lähmung ausgeschlossen.
    • Die Untersuchung wird für die Planung einer Operation bei Schilddrüsenkrebs auch bei fehlender Stimmstörung empfohlen.
  • Ausbreitungsdiagnostik (Staging)
    • Krebszellen können aus dem Tumor über die Blut- und Lymphbahnen in andere Organe wandern und dort Tochtergeschwülste bilden (Fernmetastasen). Bei Schilddrüsenkrebs kann es vor allem zu Fernmetastasen in den benachbarten Lymphknoten, der Lunge, Leber und den Knochen kommen. 4, 10
    • Um die Größe sowie die räumliche Ausbreitung des Tumors im Körper festzustellen, folgen verschiedene weitere Untersuchungen. Nach deren Ergebnis wird die Erkrankung in Stadien eingeteilt (TNM-Klassifikation).
Darstellung Schilddrüsenkarzinom im Ultraschall

Therapie

Für die Behandlung von Patienten mit Schilddrüsenkrebs stehen mehrere Optionen zur Verfügung. Dazu gehören vor allem: 11, 12, 13

Diese Therapiemöglichkeiten können auch kombiniert eingesetzt werden. Mit welcher der Optionen der Patient behandelt wird, richtet sich vor allem nach den feingeweblichen (histologischen) Merkmalen sowie der Ausbreitung des Tumors zum Zeitpunkt der Diagnose. 11, 13 Eine "klassische" Chemotherapie wird heute so gut wie nicht mehr eingesetzt. 11, 13

Die möglichst vollständige operative Entfernung des Tumors steht bei den meisten Patienten mit Schilddrüsenkrebs im Vordergrund der Behandlung. Das Ausmaß der Operation richtet sich dabei nach der Ausdehnung und Größe des Tumors. 11, 12, 13

Bei kleinen (< 10mm), nicht organübergreifenden papillären Karzinomen ohne Metastasen ist in der Regel keine vollständige Entfernung der Schilddrüse (Thyreoidektomie) notwendig. 12, 13

Bei größeren Tumoren sowie bei Vorliegen von Metastasen wird meist die gesamte Schilddrüse mit den umgebenden Lymphknoten (Lymphadenektomie) entfernt. 11, 12, 13

Wenn die Schilddrüse vollständig operativ entfernt wird, können keine körpereigenen Schilddrüsenhormone mehr gebildet werden. 11, 12, 13 Um diese Unterfunktion auszugleichen, müssen die Patienten die wichtigen Hormone lebenslang in Tablettenform einnehmen. Ob sich die Schilddrüsenwerte im Blut im Normbereich befinden, wird anhand von regelmäßigen Kontrollen untersucht.

Mehr Informationen zu den allgemeinen Prinzipien einer operativen Therapie in der Onkologie lesen Sie unter Krebstherapie "Operation".

  • Kalizummangel11, 13
    Sofern bei der Operation auch die Nebenschilddrüsen entfernt wurden, kann es zu einem Kalziummangel im Blut kommen. Mögliche Beschwerden sind Gefühlsstörungen oder Kribbeln in Armen und Beinen sowie Muskelkrämpfe.

    Nach der Operation werden daher der Kalziumspiegel im Blut kontrolliert und ein Mangel mit der täglichen Einnahme von Vitamin D und Kalzium behandelt.

  • Heiserkeit11, 13
    Wenn bei der Operation die Stimmbandnerven verletzt oder in ihrer Funktion gestört wurden, können Beschwerden beim Sprechen oder eine vorübergehende oder bleibende Heiserkeit die Folgen sein. Dies lässt sich mit der Behandlung bei einem Stimmtherapeuten (Logopäden) therapieren.

Im Anschluss an die Operation wird bei den meisten Patienten eine Behandlung mit radioaktivem Jod (Radiojod-Therapie) durchgeführt. 11, 13

Damit lassen sich eventuell verbliebene Reste von Tumor- und Schilddrüsengewebe sowie Metastasen zerstören. 11, 13, 14

Die Radiojod-Therapie basiert auf dem Wissen, dass im Körper nur Schilddrüsengewebe Jod aufnehmen und speichern kann. 11, 13, 14 Das radioaktive Jod zerstört die Tumorzellen, ohne andere Organe wesentlich zu beeinträchtigen.

Die Radiojod-Therapie wird nach entsprechender Vorbereitung kurz nach der Operation, in der Regel innerhalb von vier Wochen, über mehrere Tage auf einer spezialisierten nuklearmedizinischen Station durchgeführt. 11, 13, 14 Während dieser Zeit besteht aus Gründen des Strahlenschutzes keine Besuchserlaubnis.

Der Patient erhält das individuell dosierte radioaktive Jod in Form einer Kapsel, die sich erst im Magen auflöst. 11, 13, 14 Das Jod gelangt durch den Magen-Darm-Trakt ins Blut und wird vom restlichen Schilddrüsengewebe aufgenommen. Durch den Zerfall des radioaktiven Jods in den nächsten Tagen kommt es zu einer intensiven Bestrahlung direkt im verbliebenen Schilddrüsengewebe, wodurch dieses und eventuell verbliebene Tumorzellen zerstört werden. 14

Weil die Reichweite der Strahlung nur sehr gering ist, wird lediglich das Schilddrüsengewebe selbst und nicht umliegendes Gewebe getroffen.14

  • Mundtrockenheit
    Die Radiojod-Therapie kann unter Umständen die Funktion der Speicheldrüsen meist nur vorübergehend beeinträchtigen. Eine geringere Produktion von Speichel und Mundtrockenheit können die Folge sein. Dies lässt sich verbessern mit
    • ausreichendem Trinken
    • Förderung der Speichelproduktion durch
      • Lutschen saurer Bonbons
      • Zitronensaft
  • Leichte Schmerzen und Schwellungen lassen sich mit einer Eiskrawatte lindern.

Bei Patienten mit Schilddrüsenkrebs wird in der Regel nur dann eine Strahlentherapie eingesetzt, wenn der Tumor trotz der Operation und Radiojod-Therapie nicht vollständig entfernt werden konnte.11, 13

Mehr Informationen zu den Grundlagen der Strahlentherapie in der Onkologie erhalten Sie unter Krebstherapie "Strahlentherapie".

Mit der so genannten zielgerichteten Therapie (engl. "Targeted Therapy") sollen verschiedene Zielstrukturen in den Tumorzellen und Gefäßzellen angegriffen und damit der Tumor zerstört werden.

Bei Patienten mit bestimmten Formen von Schilddrüsenkrebs, die nicht auf eine Radiojod-Therapie ansprechen, gibt es verschiedene Angriffspunkte der zielgerichteten Therapie: 13

mit Medikamenten in Tablettenform, die Tyrosinkinasehemmer genannt werden.

Mehr zu den zielgerichteten Therapien und der Behandlung der typischen Nebenwirkungen lesen Sie unter Krebstherapien "Zielgerichtete Therapien".