Indikationen Onkologie

Chronische myeloische Leukämie

Erkrankung

Leukämien, umgangssprachlich oft als "Blutkrebs" bezeichnet, sind ein Sammelbegriff für bösartige Erkrankungen des blutbildenden Systems.1,2

Allen Leukämien ist das unkontrollierte Wachstum unreifer Blutzellen gemeinsam.1,2

In den meisten Fällen sind die weißen Blutkörperchen (Leukozyten) bösartig vermehrt, daher leitet sich der Begriff "Leukämie" aus dem Griechischen ab und kann mit „Weißes Blut“ übersetzt werden.

Prinzipiell unterscheidet man Leukämien nach1

  • Art des Verlaufs:
    • Akut: Plötzlich auftretend, lebensbedrohlich, führen unbehandelt innerhalb weniger Wochen und Monate zum Tod
    • Chronisch: Langsamerer, schleichender Verlauf; wird oft von den Betroffenen zunächst nicht bemerkt
  • der Zellreihe, von der die Leukämien ihren Ausgang nehmen:

Im Vergleich zu anderen Krebsarten wie Brustkrebs oder Dickdarmkrebs sind Leukämien vergleichsweise selten.3 In Deutschland erkranken etwa 12.600 Menschen jährlich neu an einer Leukämie.4

Etwa 15% Prozent der Patienten sind von einer chronischen myeloischen Leukämie (CML) betroffen, etwa doppelt so viele Patienten erkranken an einer chronischen lymphatischen Leukämie (CLL) und ca. 50% an den akuten Formen akute lymphatische Leukämie (ALL) und akute myeloische Leukämie (AML).3

Die folgenden Kapitel beziehen sich auf die chronische myeloische Leukämie (CML).

Die CML kann prinzipiell alle Altersgruppen betreffen, die meisten Neuerkrankungen treten jedoch bei Erwachsenen zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr auf.5

Männer erkranken etwas häufiger als Frauen.5

Alle Blutzellen entwickeln sich im Knochenmark aus gemeinsamen Vorläuferzellen, den so genannten blutbildenden Stammzellen.6

Die blutbildenden Stammzellen im Knochenmark teilen sich und entwickeln sich zu einer myeloischen und einer lymphatischen Blutzellreihe:

  • Aus Stammzellen der myeloischen Zellreihe entwickeln sich über mehrere Zwischenstufen
  • Aus Stammzellen der lymphatischen Zellreihe entwickeln sich über mehrere Zwischenstufen
    • Lymphozyten, eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen (Leukozyten)

Ursachen und Risikofaktoren

Bei der chronischen myeloischen Leukämie (CML) kommt es zu einer unkontrollierten Vermehrung der Granulozyten. Ausgangspunkt dafür ist die Entartung einer Blutstammzelle in der myeloischen Zellreihe.5

Granulozyten sind eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen (Leukozyten) und übernehmen wichtige Funktionen in der körpereigenen Abwehr (Immunsystem).

Bei nahezu allen CML-Patienten lässt sich eine bestimmte genetische Veränderung nachweisen, die ursächlich an der Entstehung der Erkrankung beteiligt ist.5

Dieser für die CML typische Gendefekt ist das Auftreten des so genannten Philadelphia-Chromosoms im Erbgut der Stammzellen der myeloischen Zellreihe.5

Das Philadelphia-Chromosom entsteht durch einen fehlerhaften Austausch von Chromosomenstücken (Translokation).5 Dabei brechen Teile vom Chromosom 22 und Chromosom 9 ab und verbinden sich. Dieses neu entstandene Chromosom wird Philadelphia-Chromosom genannt.

Die an der Bruchstellen gelegenen Erbinformationen (Gene) werden dabei ebenfalls zerteilt und jeweils mit der Hälfte der anderen zerbrochenen Erbinformation wieder verbunden.5

Dadurch entsteht das veränderte Gen BCR-ABL, unter dessen Einfluss es zur Bildung eines fehlerhaften Eiweißstoffes kommt, dem so genannten BCR-ABL aus der Gruppe der Tyrosinkinasen.5,7 BCR-ABL setzt die normalen Mechanismen der Zellteilung und Reifung der betroffenen Blutzellen außer Kraft.

Infolgedessen kommt es zu einer unkontrollierten Vermehrung der Stammzellen der myeloischen Zellreihe und der unreifen Vorstufen (myeloische Blasten) im Knochenmark, die im Verlauf ins Blut übertreten; es entwickelt sich eine CML.

Bisher ist noch weitgehend unbekannt, wie es zu dem Gendefekt bei Patienten mit CML kommt. Als mögliche Risikofaktoren gelten vor allem:8

  • Ionisierende Strahlung (Röntgen- oder radioaktive Strahlung)
  • Chemische Stoffe wie Insektenbekämpfungsmittel und Pflanzenschutzmittel
  • Manche Medikamente wie bestimmte Zytostatika ("Zellteilungs-Hemmer"), die im Rahmen einer Chemotherapie gegeben werden, sowie Medikamente zur Unterdrückung des Immunsystems (Immunsuppressiva)

Krankheitsverlauf und Symptome

Der Krankheitsverkauf der chronischen myeloischen Leukämie (CML) kann in drei Phasen eingeteilt werden:7,9

  • Chronische Phase
  • Akzelerierte Phase
  • Blastenkrise

Symptome in der chronischen Phase

Die Symptome einer CML entwickeln sich in der Regel langsam und schleichend.5,9

Die Erkrankung kann daher über Jahre bestehen, ohne dass sich beim Betroffenen ein Krankheitsgefühl oder sichtbare Krankheitszeichen einstellen.5,9

Meist wird die Diagnose einer CML in der chronischen Phase gestellt, nicht selten als Zufallsbefund bei einer Blutbilduntersuchung, die aus anderen Gründen erfolgte.9

Krankheitszeichen in dieser Phase können auch sein:5

  • Zu wenige rote Blutkörperchen (Erythrozyten) mit der Folge einer Blutarmut (Anämie) mit Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Kurzatmigkeit
  • Gewichtsverlust
  • Fieber, ohne dass eine Infektion vorliegt
  • Nachtschweiß
  • Bei fortgeschrittener Erkrankung:
    • Druckgefühl im linken Oberbauch durch Vergrößerung der Milz
    • Depressive Verstimmung

Symptome in der akzelerierten Phase5

In der akzelerierten Phase schreitet die Erkrankung fort und es kommt einer Verschlechterung des Blutbildes:

Symptome in der BLASTENKRISE5

Die Blasenkrise ähnelt im Verlauf einer akuten Leukämie, denn im Knochenmark werden immer mehr Blasten gebildet. Diese veränderten Vorläuferzellen sind funktionsuntüchtig und verdrängen zudem im Knochenmark gesunde Blutzellen.

Dadurch kann die Zahl funktionsfähiger weißer Blutkörperchen (Leukozyten), roter Blutkörperchen (Erythrozyten) und Blutplättchen (Thrombozyten) sinken.5 Die Folgen sind Infektanfälligkeit, Blutarmut und Blutungsneigung.

Die Blastenkrise ist eine schwere Erkrankung, die unbehandelt innerhalb weniger Wochen zum Tode führt.5

Diagnose

Bei Verdacht auf eine chronische myeloische Leukämie (CML) sind die folgenden Untersuchungen von Bedeutung:5,7,9

  • Untersuchung von Proben aus dem Knochenmark durch Knochenmarkspunktion meist des Beckenkamms unter örtlicher Betäubung5
  • Untersuchung des Blutes mit Blutbild (Differenzialblutbild)5,9
    • Chronische Phase:
      • Stark erhöhte Anzahl weißer Blutkörperchen (Leukozyten), insbesondere der reifen Granulozyten, einer Untergruppe der weißen Blutkörperchen
    • Akzelerierte Phase:
      • Zunehmend Auftreten unreifer Granulozyten bzw. deren Vorstufen (myeloische Blasten); der Mediziner spricht von einer Linksverschiebung des Blutbildes
    • Blastenkrise:
  • Ultraschalluntersuchung (Sonographie) des Oberbauchs (Abdomens) zum Nachweis einer vergrößerten Milz
Blutausstrich bei Patienten mit chronischer myeloischer Leukämie

Therapie

Die chronische myeloische Leukämie (CML) lässt sich derzeit medikamentös nicht heilen.5

Das Ziel aktueller Therapien ist es, die Erkrankung so weit wie möglich zurückzudrängen und ein Fortschreiten zur nächsten Phase zu verhindern.5

Als Maß für das Ansprechen auf die Behandlung gilt der Rückgang der Leukämie (Remission), der durch regelmäßige Blut- und Knochenmarkuntersuchungen überprüft wird.5

Nach gesicherter Diagnose wird die Behandlung eingeleitet.9

Für diese so genannte Erstlinien-Therapie der CML sowie für die spätere Behandlung bei unzureichendem Ansprechen stehen die folgenden Möglichkeiten zur Verfügung:5,9

Bei der Beurteilung des Krankheitsrückgangs (Remission) bei Patienten mit chronischer myeloischer Leukämie (CML) lassen sich drei Ebenen unterscheiden:

  • Hämatologische Remission5
    • Verbesserung (teilweise {partielle} hämatologische Remission) bzw. Normalisierung (vollständige {komplette} hämatologische Remission) des Blutbildes
  • Zytogenetische Remission5
    • Abnahme der Zahl von Leukämiezellen mit Philadelphia-Chromosom unter die Nachweisgrenze (vollständige {komplette} zytogenetische Remission)
  • Molekulare Remission5
    • Abnahme der Menge von Leukämiezellen mit dem BCR-ABL-Gen
      • Gute molekulare Remission (engl. "Major molecular remission"; MMR):
        • BCR-ABL-Wert weniger als 0,1% des Ausgangswertes
      • Tiefe molekulare Remission:
        • BCR-ABL-Wert auf
          • unter 0,01% des Ausgangswertes (MR4)
          • unter 0,0032% des Ausgangswertes (MR4,5)

Medikamente der sogenannten zielgerichteten Therapien (engl. "Targeted therapies") richten sich gezielt gegen bestimmte Eigenschaften in oder auf der Krebszelle.

Bei Patienten mit chronischer myeloischer Leukämie (CML) werden zur Erstlinientherapie nach Diagnosestellung in der Regel Tyrosinkinase-Hemmer (Tyrosinkinase-Inhibitoren; TKI) eingesetzt.5,9

Diese richten sich gezielt gegen das fehlerhafte Eiweiß BCR-ABL, das durch das Philadelphia-Chromosom gebildet wird und die normalen Mechanismen der Zellteilung außer Kraft setzt.

Tyrosinkinase-Hemmer docken an das fehlerhafte BCR-ABL an und blockieren damit dessen Aktivität. Die unkontrollierte Zellteilung wird gehemmt.

Tyrosinkinase-Hemmer werden als Tablette eingenommen.

Mehr Informationen zu den zielgerichteten Therapien finden Sie unter "Zielgerichtete Therapien".

Wirkstoffe der Immunonkologie-Therapie sollen die Zellen des körpereigenen Abwehrsystems (Immunsystem) unterstützen, Krebszellen zu bekämpfen und zu zerstören.

Interferone wie Interferon alpha aktivieren bestimmte Zellen des körpereigenen Abwehrsystems, Leukämiezellen zu bekämpfen.

Mehr Informationen zur Immunonkologie-Therapie erhalten Sie unter "Immunonkologie-Therapie".

Bei einer Chemotherapie werden Medikamente gegeben, die die Zellteilung und damit Vermehrung von Tumorzellen hemmen. Diese Medikamente werden deshalb Zytostatika ("Zellteilungs-Hemmer") genannt.

Chemotherapien können bei Patienten mit chronischer myeloischer Leukämie (CML) vor allem direkt nach der Diagnosestellung als Erstlinientherapie eingesetzt werden, wenn ein Patient sehr stark erhöhte Zahlen an weißen Blutkörperchen (Leukozyten) aufweist.5 Diese Behandlung führt zu einem schnellen Rückgang der Zellzahlen, hat aber keinen Einfluss auf den grundsätzlichen Krankheitsverlauf.

Darüber hinaus werden Chemotherapien in der Regel nur bei fortgeschrittenen Erkrankungen oder zur Vorbereitung auf eine Stammzelltransplantation eingesetzt.5

Wenn Sie mehr Informationen zu den allgemeinen Prinzipien der Chemotherapie erhalten möchten, gehen Sie bitte zu "Chemotherapie".

Für Patienten nach Versagen einer Therapie mit Tyrosinkinase-Hemmern oder in einer fortgeschrittenen Krankheitssituation (akzelerierte Phase, Blastenkrise) kommt eine allogene Stammzelltransplantation (SZT) in Frage.9

Dabei erhält der Patient Blutstammzellen eines gesunden und geeigneten Fremdspenders.

Wenn Sie mehr zur Durchführung einer Stammzelltransplantation erfahren möchten, gehen Sie bitte zu "Stammzelltransplantation".